DER TIEFGEFRORENE KRIEG
Sie wissen es zwar noch nicht: Aber Sie gehören dazu! Im Krieg der Generationen sind Sie dabei. Es klingt dramatisch, und das ist es auch. Man hört noch keine Einschläge, aber?
Dieser Text war ein Ausschnitt aus:
"Minimum" von Frank Schirrmacher
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VERDAMMT, WARUM?
Verdammt, warum stösst dem Kies eigentlich niemals etwas anderes zu, als dass er unter Tritten zum Knirschen gebracht wird?
Dieser Text war ein Ausschnitt aus:
"Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche" von Franz Schuh
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EIN PROBLEM MIT EINEM ANDEREN ZUDECKEN...
Ein Von-der-Wiege-bis-zur-Bahre-System benötigt Kinder, damit die Räder sich weiterdrehen, und die Europäer waren Freigeister, Hurenböcke, die sich um keine Vaterschaft scherten. In den frühen Siebzigern hatten sie begonnen, Politikern und Journalisten Geldspenden zu überweisen. An Männer, die die Einwanderungsdebatte prägten. Hart arbeitende Muslime galten als die Lösung, und Türen und Tore öffneten sich ihnen. Junge Muslime aus Nordafrika und der Türkei, fruchtbar und gläubig. Die Eroberung Europas in Zeitlupe, seine nahezu unblutige Umwandlung in einen islamischen Erdteil war vielleicht der grösste Sieg. Fünfzig Jahre, die so schnell vergingen wie ein Nachmittag.
Dieser Text war ein Ausschnitt aus:
"Prayers for the Assassin" von Robert Ferrigno
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DAS MATRJOSCHKA-PRINZIP

Wie entsteht ein Stück wie "Schlaf"? Ich will möglichst wenig vorher planen und wissen, ich fange einfach an, es ist wie ein Sprung ins Unbekannte. Und vom Beginn hängt alles ab: Ist er gut, dann ist das Stück bald da, sozusagen in seinem eigenen Himmel. Dann brauche ich es nur noch niederzuschreiben.
Zum Schreiben brauche ich die Landschaft und mindestens eine Woche ohne grössere Unterbrechungen, in der ich ganz in meinem Schreib-Universum lebe.
Es gibt nicht nur Linie, sondern auch Entwicklung, ich würde es so formulieren: Die früheren Stücke stecken in den späteren drin.
Der norwegische Dramatiker Jon Fosse im Interview
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UNSICHTBARES THEATER
Eine Gruppe Jugendlicher spielte auf der Strasse "Unsichtbares Theater" mit unschuldigen Passanten. Sie führten sich auf wie ein Mob. Waren respektlos und rücksichtslos. Es ging ihnen ausschliesslich um den Spass und nicht um eine politisch motivierte Provokation in der Öffentlichkeit. Sie kreisten wahllos wildfremde Menschen auf dem Gehsteig ein und trieben Schabernack mit ihnen. Sie begannen zu applaudieren, als handle es sich um Prominente. Oder sie zeigten auf einen von ihnen eingekreisten Passanten und riefen: "Der ist ein Dieb!" Oder: "Der vergewaltigt seine Tochter!" Dann warteten die Jugendlichen, was passierte. Im langweiligsten Fall tippten sich die Beschuldigten bloss auf die Stirn oder riefen aus: "Ihr seid doch plemplem!" Im besten Fall wehrte sich ein auserwählter Passant, indem er nach der Polizei rief oder selbst gar handgreiflich wurde. Das gab den Jugendlichen einen Kick. Sie schienen auf alles gefasst zu sein und nichts zu scheuen. Es schien nichts zu geben, das ihnen etwas ausmachte, das ihnen Angst machte. Sie kannten keine Schamgrenze. An sich nicht, und nicht an ihren Opfern.
Querfurt geriet auch in einen Tumult mit ihnen. Der Mob stand auf der Strasse und hatte ihn eingekreist. Sie hatten Bierdosen in der Hand. Sie grölten. Sie johlten etwas in der Art von: "Der König der Diebe! Der König der Diebe!" Und hüpften um Querfurt herum. Sie grölten "Der König der Diebe!" und nicht "Der König der Welt!" Das hätte Querfurt besser gefallen. Irgendeiner jaulte mit hoher Stimme auf: "Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit!" Wieder ein anderer krächzte wie ein Vogel: "Wir wählen uns unsere Stars selber! Und du bist garantiert keiner." Das war auf Querfurt gemünzt.
Er wartete ab, bis es ein bisschen ruhiger um ihn wurde, weil ihnen die Power ausging, dann sagte er: "Euch alle könnte ich gut gebrauchen, wollt ihr euch etwas verdienen?" Und wie auf einen Schlag begannen die Jugendlichen zu wüten, zu stampfen: "Wir lassen uns nicht kaufen!"
"Euch ist doch alles egal. Ich gebe euch viel Geld, wenn ihr mit Rasierklingen in so einer Art Happenings eure ganzen Körper zerschneidet. Und wenn ich das filmen darf." Er bildete mit den Fingern seiner beiden Hände ein Kamera-Rechteck, durch das er die wütenden Jugendlichen betrachtete. Der Mob hatte keinen Spass mehr. Sie forderten Querfurt auf zu verschwinden. Sie würden ihn ausnahmsweise ungeschoren davonkommen lassen. Querfurt bedankte sich höflich. Der Mob hatte eine Schmerzgrenze. Alles war auch ihm nicht egal.
Ausschnitt aus:
"Der Flash-Mob" von August Staudenmayer
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Querfurt geriet auch in einen Tumult mit ihnen. Der Mob stand auf der Strasse und hatte ihn eingekreist. Sie hatten Bierdosen in der Hand. Sie grölten. Sie johlten etwas in der Art von: "Der König der Diebe! Der König der Diebe!" Und hüpften um Querfurt herum. Sie grölten "Der König der Diebe!" und nicht "Der König der Welt!" Das hätte Querfurt besser gefallen. Irgendeiner jaulte mit hoher Stimme auf: "Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit!" Wieder ein anderer krächzte wie ein Vogel: "Wir wählen uns unsere Stars selber! Und du bist garantiert keiner." Das war auf Querfurt gemünzt.
Er wartete ab, bis es ein bisschen ruhiger um ihn wurde, weil ihnen die Power ausging, dann sagte er: "Euch alle könnte ich gut gebrauchen, wollt ihr euch etwas verdienen?" Und wie auf einen Schlag begannen die Jugendlichen zu wüten, zu stampfen: "Wir lassen uns nicht kaufen!"
"Euch ist doch alles egal. Ich gebe euch viel Geld, wenn ihr mit Rasierklingen in so einer Art Happenings eure ganzen Körper zerschneidet. Und wenn ich das filmen darf." Er bildete mit den Fingern seiner beiden Hände ein Kamera-Rechteck, durch das er die wütenden Jugendlichen betrachtete. Der Mob hatte keinen Spass mehr. Sie forderten Querfurt auf zu verschwinden. Sie würden ihn ausnahmsweise ungeschoren davonkommen lassen. Querfurt bedankte sich höflich. Der Mob hatte eine Schmerzgrenze. Alles war auch ihm nicht egal.
Ausschnitt aus:
"Der Flash-Mob" von August Staudenmayer
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ÜBER MENSCHENFISCHE
Cloveska ribica, Menschenfisch. So heisst der Grottenolm auf slowenisch, die namenlose Protagonistin in Eugenie Kains neuer Erzählung erfährt dies während einer Führung durch die Tropfsteinhöhle von Postojna. Und sie lernt auch, was den Grottenolm vor anderen Lebewesen auszeichnet: Er versteht sich anzupassen. Bei Lichteinwirkung bilden sich Pigmente, die seine helle Haut schützen. Er stellt auf Lungenatmung um, kann seine Augen aktivieren. So übersteht er alle Katastrophen, wird bis zu 100 Jahre alt.
Mit dem Bedürfnis, wie ein Menschenfisch unter radikal veränderten Umständen weiterzuleben, geht auch die Protagonistin durch diese Erzählung.
Erich Hackl über das Buch:
"Flüsterlieder" von Eugenie Kain
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VIERZIG TAGE WÜRGEN
Der kurze Roman "Vierzig Tage" von Thomas Jonigk, dessen Titel auf die Sintflut hinweist, setzt circa dort ein, wo die Masse deutscher Gegenwartsliteraten bereits ihr modisches Schreibzeug weggelegt hat, um im "Chill-out"-Winkel weiterzuwursteln.
Jonigk proklamiert eine Art Kulturapokalypse. Er erzählt aus der monomanisch verengten Warte eines Psychotikers. Herr Jonas ist ein Sensualist des Alltagsekels: Er definiert Wahrnehmungen aus deren Oberflächenbeschaffenheit. An der unvollkommenen Beschaffenheit verfallender Körper entzündet sich so eine Daseinskritik, die verzerrt das herrschende Regiment einer kulturindustriell gebotenen "Perfektion" abbildet. So erklärt Jonigk der Konsumgesellschaft den Krieg.
Ronald Pohl über den Roman:
"Vierzig Tage" von Thomas Jonigk
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DIE VERWEIGERUNG
Gibt es diesen einen Punkt, die Urszene, an der sich alles orientiert, von der sich alles Weitere ableiten lässt, eine Biografie, eine geistige Disposition, ein künstlerisches Werk? Ja, sagt der Schriftsteller Andreas Maier, und dieser Punkt in seinem Leben sei eine Katastrophe gewesen, von der er sich bis heute nicht erholt habe. Aber dazu gleich mehr.
Die Frankfurter Poetikvorlesungen gehören zu den meist beachteten Veranstaltungen im deutschen Literaturbetrieb. Was 1959 mit Ingeborg Bachmann begann, hat sich durch die Jahrzehnte und gesellschaftlichen Umbrüche irgendwie retten können, sodass es heute genau so ist, wie es wahrscheinlich auch vor 20 oder 30 Jahren war: ein Autor betritt den riesigen Hörsaal der Goethe-Universität, tritt nach vorne ans Pult, beginnt zu reden, über sich, sein Schreiben, sein Leben, und drei- oder vierhundert Menschen kommen und hören ihm zu. Sonst nichts.
Andreas Maier, 1967 in der Wetterau bei Frankfurt geboren, Verfasser der Romane "Wäldchestag", "Klausen" und "Kirillow", hat seiner Dozentur konsequenterweise den Titel "Ich" gegeben und stellte gleich zu Beginn fest: "Dies ist keine Autobiografie, aber um Ihnen überhaupt einen Eindruck zu verschaffen, in welchem seelischen Klima meine, wie ich erfahren habe, teils sehr missverstandenen Bücher entstanden sind, muss ich aus meinem Leben erzählen."
"Die Verweigerung", so hiess der erste von fünf Vorträgen. Die Verweigerung, das ist bei Andreas Maier vor allem die des Sicheinigseins mit den Anderen, des Dazugehörens zu denen, die das Leben aushalten, und zwar um den Preis von Wahrheit; die Weigerung, einer Gruppe anzugehören, nicht aus Snobismus oder Eitelkeit, sondern aus einer existenziellen Notwendigkeit heraus, die einen sehr frühen Ursprung hat, eben die Katastrophe, die Ur-Verweigerungsszene.
Im Alter von drei Jahren wird der Autor zum ersten Mal in den Kindergarten gefahren, "im Gang des Kindergartens steht eine überaus gut gelaunte Person und grinst mich freundlich begeistert an, wieder ist da dieses Unechte." Die Erinnerungen an die folgenden Stunden: "Die Menschen dort waren ungeheuer bunt gekleidet. Sie hatten komische Zähne. Sie waren sehr aggressiv. Sie waren schnell, und sie handelten nach Gesetzen, die mir völlig verschlossen blieben. Vor meinen Augen verwandelten sich diese Menschen in Handlungsautomaten." Am Abend, als die Mutter den Bub abholt, spricht, so wird es in der Familie noch heute erzählt, der Dreijährige einen vollständigen Konditionalsatz: "Wenn ihr mich hier morgen wieder herbringt, renne ich unter das nächste Auto." Er muss nicht; er darf zu Hause bleiben, im Keller, wo er Flugzeugmodelle aus vorgefertigten Bauteilen zusammenbaut, bis er bemerkt, dass das nicht reicht. Auch das eine Vorstrukturierung.
Andreas Maiers Eröffnung war mutig, weil offen autobiografisch und frei von jeder Selbststilisierung, angefangen beim ersten (und letzten) Besuch bei einem Psychologen bis hin zur Zeit als Referendar an einer Frankfurter Schule. Und aus ihr heraus kristallisierte sich untergründig und quasi nebenbei ein literarisches Erzählen. Zu Recht erhielt der Autor lang anhaltenden Beifall. "Form", "Die Verwirrung" und "Der Betrieb" lauten die Titel der folgenden Vorlesungen, wobei mit der letzten der Literaturbetrieb gemeint ist. Wahrheit, so viel dürfte klar sein, findet man gerade dort nicht.
Christoph Schröder über eine Vorlesung von Andreas Maier
publiziert in der taz vom 26.5.2006
Leseprobe von Andreas Maier im Feuerquallen-Archiv vom 20.04.2005
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FIGUR IM BRENNGLAS

Ostermeier: Ein Ausspruch Ibsens war immer massgebend für uns: "Ich möchte, dass die Leute so reden wie im normalen Leben. Ich möchte nicht, dass das nach Theater klingt." Mir wird ja immer vorgeworfen, meine Inszenierungen seien plumper Fernsehrealismus, aufbereitet für eine Welt, die eigentlich keine Tiefenschichten in der Persönlichkeit zeitigt. Ich habe seit "Shoppen & Ficken" eine extrem beschleunigte Oberfläche gefordert, um die Abwesenheit von Tiefe darzustellen. Wenn diese Figuren in den Aufführungen sehr oberflächlich erscheinen, dann ist das ein Versuch, den Mangel an Tiefe schmerzhaft erleben zu lassen.
Warum liegt Ihnen Ibsen mehr als etwa Hauptmann?
Ostermeier: Hauptmann ist ja viel mehr Marxist oder Sozialrealist als Ibsen. Dadurch, dass Ibsen nichts direkt sozial verortet, ist er freier, braucht keinerlei Zeigefinger. Ich habe auch das Gefühl, dass diese norwegischen Gründerzeitbürger mit ihrem Spekulieren sehr nahe dran sind an unserem spekulativen Individualismus heute. Damit wollten wir an die Absturzängste eines bürgerlichen Publikums anknüpfen. Das ist der eigentliche Grund meiner Leidenschaft für Ibsen. Wir wissen genau: Wenn wir auf dem Niveau leben wollen, das einigermassen einem bürgerlichen Lebensentwurf entspricht, dann ist nicht genug für alle da. Und deswegen versuchen wir im Einzelkampf zu den Wenigen zu gehören, die es "schaffen" und gucken nicht auf die anderen. Hauptmann guckt mehr auf die anderen.
Deswegen funktioniert Ibsen heute so gut: Weil alle prophezeien, dass es immer schwieriger wird, nicht unterzugehen.
Es ist die Stärke vieler Ibsen-Stücke, dass immer eine Figur unters Brennglas genommen wird. Das vergessen ganz viele Dramatiker heute: ein Brennglas auf einen speziellen Menschen legen. So funktioniert die gesamte Hollywood-Dramaturgie nach dem fünfaktigen Ibsen-Prinzip. Das ist der Trick: Man verführt die Leute mit Hollywood, spielt aber Ibsen, packt sie also an einem ganz anderen Punkt.
Eigentlich geht es mir immer darum, zu sagen: Ist es nicht furchtbar schockierend, wie nahe wir an den Biographien und Lebensentwürfen des 19. Jahrhunderts dran sind?
Gespräch von Thomas Ostermeier, dem Leiter der Berliner Schaubühne mit Reinhard Wengierek und Matthias Heine
Bild: Thomas Ostermeiers "Hedda Gabler"-Inszenierung an Berliner Schaubühne
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GANZ IM GEGENTEIL !
Tagelang hat der schwerkranke Dichter stumm vor sich hingedämmert. In seinem Krankenzimmer in Oslo standen die Angehörigen beieinander und unterhielten sich leise über seinen Zustand. Die Pflegerin meinte eine gewisse Besserung zu verzeichnen. "Ganz im Gegenteil", kam unvermittelt die Antwort aus dem Bett. Es waren die letzten Worte des grossen norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen im Jahr 1906.
Seine zwölf Dramen, denen er seinen Ruf als Schöpfer des modernen Dramas verdankt, greifen Themen auf, wie sie täglich auf den Seiten der grossen Zeitungen diskutiert wurden: Vererbungslehre, Emanzipation der Frau, Prostitution, Euthanasie. Und bis heute, wie man an der Berliner Schaubühne sieht ? "Nora"!, "Hedda Gabler"! ?, tickt die Ibsen?sche Uhr, die Zeitbombe.
In der norwegischen Kleinstadt Skien 1828 geboren, erlebte Ibsen sein erstes, bewusst erlebtes Drama: der finanzielle Ruin der Familie, aufgrund unglücklicher Spekulationen des Vaters, einem bis dahin angesehenen Kaufmann. Nie überwand Ibsen das Trauma der sozialen Deklassierung.
Der Wiedereintritt in die gesellschaftliche Sphäre erfolgt durch das Theater.
Stefan Kister über den 100. Todestag von Ibsen
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WELCHER PLATZ WIRD DIR ZUGEWIESEN ?
"Häuser", sagt Christina, eine in Hamburg lebende Mittdreissigerin, "sollten überhaupt nicht verkauft werden, sondern den Personen gehören, zu denen sie passen", und erntet mit dieser weltfremden Position nur ein müdes Lächeln ihrer zumindest auf den ersten Blick kapitalismusgestählten Freunde. Mit solch einer Einstellung lässt sich ? das weiss Susanne Fischers Romanheldin allzu gut ? in einer Metropole kaum ein Bein auf den Boden bringen, und so hat Christina beschlossen, sich vom Berufsleben zu verabschieden. Ihre Versuche, sich als Assistentin eines Immobilienmaklers zu verdingen oder im ruhigen Dunkel eines Kinosaals als Platzanweiserin zu wirken, schlugen fehl, und so verbringt sie ihre Tage damit, mit Max, dem Sohn der Nachbarn, Häuser jedweder Art zu besichtigen und deren Geheimnisse zu ergründen.
Christina versucht sich von den Anfeindungen des modernen Lebens abzuschotten und eine "nötige Entfernung zu allen anderen" einzuhalten. Frei nach Wilhelm Buschs Devise "Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da, der ihm was tut" entsagt sie übergrosser Aktivität, um Abstand zu wahren: "Wer gelebt wurde, brauchte die wichtigen Sachen nur von fern zu sehen."
Rainer Moritz in "Neue Zürcher Zeitung" vom 24. Mai 2006 über den Roman:
"Die Platzanweiserin" von Susanne Fischer
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ECHTES LEBEN UND ALLE MACHT FÜR NIVEA
Irvin Minsky ist internetsüchtig. Vor allem Pornoseiten haben es dem Fotografen, der schon lange nicht mehr selbst fotografiert, angetan. Bis zur totalen Erschöpfung betrachtet er Bilder und heruntergeladene Filme, sein Penis bleibt ihm dennoch seltsam fremd, anderen Menschen steht er sowieso fühllos gegenüber.
"Internetsucht ist für mich nicht das Hauptthema des Buches", sagt sein Autor. "Es geht vor allem um die Suche nach Liebe in einer Welt ohne Liebe. Das Paar, Irvin und Lina, trifft sich in einem Darkroom, weil sie beide unfähig sind, normale menschliche Kommunikation zu führen."
In der Folge starten der Pornomaniac und die Sexkolumnistin unter dem Motto "Freiheit ist das Recht auf Lust" einen Kreuzzug für ein echteres Leben und gegen die Macht der Konzerne über die Individuen. In dem in naher Zukunft angesiedeltem Roman ist es nämlich bereits so weit gediehen, dass die meisten Menschen für ein kleines Salär Namen wie Nike oder Nivea tragen. "Der Roman spielt nicht wirklich in der Zukunft, sondern in einer parallelen Gegenwart. In dieser Welt ist alles wie heute, nur ein bisschen extremer. Als der neue Galeria Kaufhof in Leipzig eröffnet wurde, konnte man auch 500 Euro pro Jahr für sein Kind verdienen, wenn man es mit zweitem Namen Galeria nannte."
Dass der Roman nicht eine weitere Variante jener halb verdauten antikonsumistischen Globalisierungskritik ist, stellt Hvorecky klar: "Diese Haltungen sind auch schon alle Klischees geworden. Ausserdem gehören sie mehr in den Bereich der Ideologie als in den der Kunst."
"Alles und gar nichts ist da autobiografisch", schmunzelt Michal Hvorecky, der den Turbokapitalismus als in Wendezeiten Aufgewachsener besonders intensiv am eigenen Leib erlebt hat. "Auf einmal war alles erlaubt und zur Verfügung, was vorher verboten war: die Musik, die Drogen, die Bücher, die Reisefreiheit. Man hatte uns in der kommunistischen Schule gelehrt, niemals Fragen zu stellen. Plötzlich wussten wir so viel, ohne eine Antwort zu bekommen."
Er sieht sich dabei in der Situation, für eine Generation nachdenken zu müssen, die eher daran gewohnt ist, am Bildschirm zu lesen, als ein Buch in die Hand zu nehmen. "Ich lese Comics und immer wieder James Joyce. Kultur ist für mich eine riesige, lebendige Databank, die man von verschiedensten Orten öffnen kann."
Sebastian Fasthuber über den Roman:
"City. Der unwahrscheinlichste aller Orte" von Michal Hvorecky
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BLOSS KEINEN HERD UM DAS FEUER
Immer in fremden Häusern gewohnt
und in Wörtern.
Angst
etwas könnte mir einmal ganz gehören
Bloss keine Bilder aufhängen
bloss keinen Herd um das Feuer
Flüssig halten die Zeit und dazwischen
Schlaf mit dem Kopf auf dem Koffer
voller Lebnzerschmissn.
Ulla Hahn
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DIE PERFEKTE FRAU
Phyllis ist bedienungsfreundlich, folgsam und zuvorkommend, sie spricht mit sanfter Stimme und schlägt beim Sprechen meist die rehbraunen Augen nieder. Ihre Brüste sind von vollkommener Form und Grösse, das Haar seidig und kastanienbraun, die Haut porenfrei; der Übergang von Kniekehle zu anschwellender Wade liesse sich zwar noch verbessern, aber die überaus schmale Fussform und der fliessende Gang, all das ist ein wahres Wunder. Wenn man Phyllis seine Lippen auf den Mund presst, streckt sie willig die Zunge heraus und greift einem sanft, aber zudringlich in den Schritt. Auch wenn Phyllis manchmal etwas sonderbare Antworten gibt, alles wörtlich nimmt und über keinerlei Humor verfügt - sie ist die perfekte Frau, besser, als sie von Gott je erschaffen sein könnte.
Denn Phyllis ist eine Maschine und ihr Schöpfer ist naturgemäss ein Mann, Ellery Pierce, seines Zeichens Techniker einer Firma für "animatronische Geschöpfe" und nach zwei geschiedenen Ehen schliesslich zur Auffassung gelangt, dass es für ihn "die Richtige" nicht gibt: "Irgendwann wurde auch die Liebenswürdigste sarkastisch, schmähte seine Vorlieben, widersprach seinen Ansichten, setzte sich über seine Entscheidungen hinweg und wandelte sich insgesamt von einer Verbündeten zu einer Widersacherin." Seit er das erkannt hat, ist er damit beschäftigt, eine künstliche Frau zu konstruieren - ein rein synthetisches, makelloses Geschöpf, dessen Haut durch einen Kreislauf von erhitztem Öl auf menschlicher Körpertemperatur gehalten wird und deren im Falle gesellschaftlicher Konvention zu sich genommene Nahrung sich in einem Sammelbehälter auffangen und über eine aufklappbare Pobacke entsorgen lässt.
Doch Phyllis erweist sich als unerwartet selbstständig, direkt und zielbewusst, ist auf ihre Art eine kompromisslose Emanze, weniger aus politischem Bewusstsein heraus (das sie nicht besitzt) als auf Grund generellen Unverständnisses gegenüber irgendwelchen Geschlechterdifferenzen.
Ihr unaufhaltsamer Aufstieg verläuft parallel zu Pierces Niedergang. Während er davon träumt, eine verbesserte Phyllis II zu bauen, will sie die erste Präsidentin Amerikas werden, obwohl sie nicht genau weiss, was das ist.
Jürgen Lagger über den US-Roman
"Abenteuer einer künstlichen Frau" von Thomas Berger
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DER LANGE WEG DER BELICHTETEN BILDER
Dass der Film "Die Ausgesperrten" überhaupt gedreht werden konnte, hatte Elfriede Jelinek nicht zuletzt ihrer Mutter zu verdanken. Ilona Jelinek hatte 35000 Schilling zugeschossen, damit der Regisseur Franz Novotny eine Steuerschuld abtragen und staatliche Fördermittel beantragen konnte.
Auch ihren noch nicht abgeschlossenen Roman "Die Klavierspielerin" sah Elfriede Jelinek schon als Film vor sich. Umsetzen sollte ihn die Künstlerin Valie Export (mit Christine Kaufmann als Erika), die mit ihren experimentellen Videofilmen und avantgardistischen Aktionen berühmt geworden war. Valie Export schwebte eine Schwarzweissversion vor, in einer ihrem Drehbuch vorangestellten Einführung begründet sie, dass ein "realistischer Stil" dem Stoff nicht gerecht werde, da die Beziehung zwischen Mutter und Tochter gesellschaftlich tabuisiert sei und als abfilmbare Realität noch nicht vorhanden. Elfriede Jelinek mochte an dem Konzept, abgesehen von Valie Exports Kunstanspruch, dass man einen Film "in der Ästhetik eines kleinen schmutzigen Privat-Pornos" machen könne, "ganz billig runterkurbeln, so um ein paar hunderttausend Schilling."
Als der ORF sich an der Finanzierung des Projekts nicht beteiligte, entschied Elfriede Jelinek aus Ärger über das österreichische Fernsehen, dass dieses sich an einer künftigen Verfilmung von "Die Klavierspielerin" nicht beteiligen dürfe. Ein weiterer Kandidat kam 1990 ins Spiel: Paulus Manker, diesmal mit Regie-Ambitionen. Er konnte seinen Entdecker und Partner Michael Haneke gewinnen, für ihn ein Drehbuch zu schreiben, bald darauf Elfriede Jelineks Zustimmung zu seinem Konzept. Sie bat die beiden Herren zu sich nach Hause, um auf das vielversprechende Projekt anzustossen. Im Empfangszimmer setzte sie sich an ihren Flügel, Michael Haneke nahm die Noten zur Hand und intonierte zu Elfriede Jelineks Spiel mit sonorer Stimme Schubert-Lieder. Paulus Manker blieb Zuhörer.
In ähnlicher Rollenverteilung ging die Geschichte zu Ende. Manker fand nicht genügend Financiers, obwohl Frauen im Gespräch waren, die den amerikanischen Markt erschliessen sollten: Kathleen Turner, Helen Mirren, Charlotte Rampling. Für die Rolle des Klavierschülers Walter Klemmer sollte der junge Brad Pitt gefragt werden. So weit kam es allerdings nie. Nach zehn Jahren bot Mankers Produktionsfirma das Projekt einem anderen Regisseur an, der zu diesem Zeitpunkt leichter Fördermittel anziehen würde: Michael Haneke. Seine Verfilmung mit Isabelle Huppert, Benoit Magimel und Annie Girardot wurde 2001 in Cannes zum Triumph.
Dieser Text war eine Leseprobe aus:
"Elfriede Jelinek ? ein Portrait" von Verena Mayer und Roland Koberg
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WIEN - HITLER, EITER UND HEILKUNDE
Noch vor dem Ersten Weltkrieg begann man bei "Neuber" auf der Linken Wienzeile 152 mit der Produktion eigener Markenartikel und setzte dabei besonders auf Waschmittel, beispielsweise "Neubozon", hergestellt aus Borax, Natriumperborat und Seifenzusätzen, das von 1908 bis 1940 im Handel war. Ein Detail am Rande: Der mit der Bewerbung dieses Produkts beauftragte Grafiker war Adolf Hitler, der sich von 1909 bis 1910 in Wien als Zeichner und Aquarellmaler durchschlug.
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Wer "Eitrige" zur gegrillten Käsekrainer - einer an jedem Würstelstand erhältichen Wurstsorte - sagt, der nennt das Schwarzbrotscherzel "Buckel".
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In den Jahren 1870 bis 1875 erfolgte die Regulierung der Donau, bei der die "Alte Donau", damals ein Hauptarm des Stromes, von diesem abgetrennt wurde. Die darin liegende Insel, das "Gänsehäufel", beachteten die Wiener nicht weiter, bis ein Naturheilkundler namens Florian Berndl die Attraktivität dieses Ortes entdeckte. Der Luft- und Wasserapostel sah in der einsamen Insel mit ihrem flach abfallenden und sandreichen Strand ausgezeichnete Heil- und Erholungsmöglichkeiten für erschöpfte Stadtmenschen. Florian Berndl trug lange graue Haare und einen fast ebenso langen grauen Bart. Er propagierte die Freikörperkultur, verschrieb den Inselbesuchern Fruchtsäfte, grub sie in Sand ein und verordnete ihnen Luft-, Sonne- und Lichtbäder. Als die Wiener Stadtverwaltung vom Erfolg des Heilkundlers Wind bekam, kündigte sie seinen Pachtvertrag und gründete 1907 das Strandbad "Gänsehäufel". Florian Berndl boten sie an, dort als Bademeister zu arbeiten. Mit dem Abhängigkeitsverhältnis war der freiheitsliebende Mensch aber natürlich nicht zufrieden: Nach kurzer Zeit quittierte er den Job.
Bis zu seinem Tod lebte er als Einsiedler auf dem Bisamberg.
Diese Texte waren Lesenproben aus:
"Echt wienerisch ? über Leute und ihre Läden in Wien" von Ernestine Stadler und Frank Taubenheim
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RANDSCHATTEN
Sie sagte: "Irre ich mich, oder wars am Anfang anders?"
"Was meinst du?", fragte ich.
"Ich habe das Gefühl, wir tun zuviel."
"Ich verstehe nicht, was du meinst."
"Wir tun die ganze Zeit etwas. Wir liegen nicht mehr einfach nur im Bett zum Beispiel."
"Jetzt liegen wir doch im Bett", sagte ich. Das Herz pumperte mir, weil es mir vor zwei Minuten erst gekommen war.
"Wenn wir im Bett liegen, schlafen wir miteinander", sagte sie.
"Ich kann nichts Schlechtes daran finden", sagte ich.
"Du tust es wie eine Beschäftigung."
"Es ist ja auch eine Beschäftigung. Im weitesten Sinn ist fast alles eine Beschäftigung."
"Du wirst gleich aufstehen", sagte sie.
"Nein, ich bleibe liegen."
"Aber du wärst aufgestanden, wenn ich nichts gesagt hätte."
"Das kannst du nicht wissen. Ich liege. Du siehst, dass ich liege. Ich liege. Liege ich nicht? Ich liege doch."
"Dann wirst du gleich über etwas reden."
"Du redest über etwas."
"Ich rede über uns. Wenn du vor mir angefangen hättest über etwas zu reden, würden wir jetzt nicht über uns reden."
Sie hatte Recht. Ich hielt es in ihrer Gegenwart nicht aus, nichts zu tun oder über nichts zu reden. Aber noch weniger, über uns zu reden. Ich habe einen kleinen Gedanken genommen und ihn ausgebaut, schon waren zwei Stunden vergangen, und hinterher habe ich behauptet, wir hätten über die Phänomenologie gesprochen Das konnte ich. Wenn es darum ging, mich aus ihrem verliebten Blick zu befreien ? und das gelang nur, wenn ich sie ablenkte ? dann konnte ich über jedes Thema parlieren.
Ich habe mit einem Freund darüber gesprochen.
"Warum gehst du nicht weg von ihr?", sagte er.
"Ich müsste es ihr irgendwie erklären", sagte ich. "Ich bin nicht einer, der einfach geht, ohne was zu sagen."
"Dann sag ihr halt etwas!"
"Das geht nicht. Nicht in diesem Fall. Sie geht mir viel zu viel auf die Nerven. Wenn ich darüber sprechen würde, würde ich mit einem Mal mit allem herausplatzen. Das würde sie nicht durchhalten. Ich würde sie vernichten. Das darf kein Mensch."
"Und was willst du tun?", fragte er.
"Ich muss warten, bis sie es sagt."
"Bis sie was sagt?"
"Bis sie sagt: Hau ab!"
Dann hat sie mich überredet, mit ihr ins Schwimmbad zu gehen.
Ich sagte: "Ich kann nicht in die Sonne."
"Dann leg du dich in den Schatten, und ich lege mich in die Sonne", sagte sie.
Da war ein Baum, der warf Schatten. Sie legte die Decke so, dass die Hälfte in der Sonne, die andere Hälfte im Schatten war.
"Schatten ist nicht gleich Schatten", sagte ich.
"Wie meinst du das?"
"Es gibt verschiedene Arten von Schatten."
"Das habe ich noch nie gehört."
"Der Randschatten ist ein anderer Schatten als der Zentralschatten."
"Diese Wörter hast du dir doch jetzt im Augenblick ausgedacht", sagte sie.
"Nein", sagte ich, "das kannst du im Scientific American nachlesen. Im Randschatten ist fast noch mehr Sonne enthalten als in der Sonne selbst."
"Kann ich mir nicht vorstellen."
"Ist aber so."
"Und was heisst das?"
"Dass es besser ist, in der Sonne zu liegen als im Randschatten."
"Dann leg du dich in die Sonne, und ich lege mich in den Schatten."
"Ich will aber nicht in der Sonne liegen."
"Ich reibe dich mit Sonnenöl ein", sagte sie.
"Das nützt im Randschatten nichts. Sonnenöl schützt lediglich vor den UV-Strahlen. Die sind aber nur in der Vollsonne enthalten, im Randschatten sind die nicht enthalten. Was die UV-Strahlen betrifft, ist Schatten gleich Schatten."
"Na also!"
"Aber alles andere ist im Randschatten enthalten, und zwar komprimierter als in der Vollsonne."
Und dann habe ich eine Theorie des Randschattens entworfen. Dass der so sei wie die Schale beim Apfel, in der sich bekanntlich die Vitamine stauen. ? Und endlich sagte sie es.
Dieser Text ist eine Leseprobe aus der Erzählung "Theorie des Randschattens"
aus dem Buch:
"Nachts um eins am Telefon" von Michael Köhlmeier
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VOM MILLIONÄR ZUM TELLERWÄSCHER
Arbeitslos werden längst nicht mehr nur schlecht ausgebildete Arbeiter, deren Jobs in Billiglohnländer exportiert werden. Ausgemustert werden auch Akademiker, mittlere Manager und höhere Angestellte. 2004 war jeder fünfte Arbeitslose zuvor als mittlerer oder höherer Angestellter tätig gewesen.
Die US-Publizistin Barbara Ehrenreich hat in Wallraff'scher Manier einen Selbstversuch unternommen, um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen. Sie hat sich mit einer neuen Identität als arbeitslose PR-Fachkraft ausgerüstet und in die Abgründe der in den USA blühenden Jobsuche-Branche begeben. Sie schreibt haufenweise Bewerbungen, preist sich auf Jobmessen an und gibt horrende Summen für Karriereberater aus, die nichts zu bieten haben ausser Küchentischpsychologie à la "Wer an sich glaubt, schafft es auch". Sie treibt sich auf trostlosen Networking-Kongressen in trostlosen Hotels herum.
Ehrenreich beschreibt die Jobsuche-Branche als eine Art Industrie, die weniger der Vermittlung von Arbeit als der Ruhigstellung der Arbeitslosen dient. Sie schildert dies mit Ironie - und ohne zu verbergen, dass die aggressive Persönlichkeitsmodellierung gelegentlich an Gehirnwäsche erinnert, die auch an ihrem robusten Selbstbewusstsein zerrt.
Ehrenreich trifft bei ihrer Recherche durchweg gut ausgebildete Leute, die auf blendende Zeugnisse und Karrieren verweisen können und genau deshalb ihrem Schicksal fassungslos gegenüber stehen. "Die entlassenen Führungskräfte der grossen Unternehmen haben alles richtig gemacht - und sind dennoch ruiniert. Wenn jemand glaubwürdig das Verschwinden des amerikanischen Traums bezeugen kann, dann sie", so das Resümee.
Die Angestellten sind zudem viel anfälliger für die Psychoquacksalberei der Bewerbungsbranche als etwa Arbeiter - aus nahe liegendem Grund. Eine Krankenschwester oder eine Verkäuferin definiert sich meist über das, was sie tut. Die leitenden Angestellten hingegen leben, so Ehrenreich, "in einer Welt, in der die Selbstdarstellung, die ,Persönlichkeit' und die ,persönliche Einstellung' meist mehr zählen als die Leistung". Deshalb können arbeitslose Führungskräfte kaum anders, als in ihrer mangelhaften Performance die Schuld für ihre Malaise zu erkennen. Deshalb fallen sie auch auf die durchsichtigen Verheissungen der Bewerbungsbranche herein, die ihnen suggeriert, dass es nur an ihnen selbst liegt.
"Qualifiziert & arbeitslos" ist eine Art Fortsetzung von "Arbeit poor" (2001), einer Sozialreportage, in der sich die Autorin als Billigjobberin verdingt hatte.
Dieser Text war eine Rezension von Stefan Reinecke über:
"Qualifiziert & arbeitslos. Eine Irrfahrt durch die
Bewerbungswüste" von Barbara Ehrenreich
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FRAUEN IN GEFAHR !
"Sich erinnern an uns
wird, wie ich mein',
mancher in spätrer Zeit."
Sappho
Für Ingeborg Bachmann war das Schreiben die schmerzlichste aller "Todesarten". Die Gedichte von Sylvia Plath und Anne Sexton entstanden aus den Beschädigungen, die ihnen die Realitäten der fünfziger und sechziger Jahre (die Mütter! die Männer!) zugefügt hatten. Sylvia Plath steckte, dreissigjährig, den Kopf in den Gasofen, vorher schnitt sie sich zur Vorsicht auch noch die Pulsadern auf. Anne Sexton machte ihren ersten Selbstmordversuch mit 29 Jahren, es folgten noch viele weitere Versuche und Jahre der Therapie, in denen sie immer vom Selbstmord sprach und ihn "den Ausweg für Frauen" nannte. Mit 45 Jahren zog sie den Pelzmantel ihrer Mutter an, trank ein Glas Wodka, ging in die Garage und vergiftete sich mit Autoabgasen.
Die romantische Dichterin Karoline von Günderrode veröffentlichte ihre Lyrik zunächst unter dem Männernamen Tian, verzweifelte dann an der Unmöglichkeit, als Frau ein freies, kreatives, künstlerisches Leben zu führen, und stach sich 1806 einen Dolch ins Herz. Sie war 26 Jahre alt.
Virginia Woolf steckte sich Steine in die Jackentaschen und ertränkte sich, gerade fünfzig, in einem Fluss.
Die Reihe liesse sich noch lange fortführen.
"Frauen schreiben nicht, und wenn sie schreiben, bringen sie sich um", zitiert die uruguayische Lyrikerin Cristina Peri Rossi ihren Onkel in einem Nachruf auf ihre argentinische Kollegin Marta Lynch, die sich 1985 erschossen hatte.
Was geschieht hier? Warum verzweifeln gerade die klügsten, die schöpferischsten, die begabtesten Frauen so sehr am Leben, dass sie es nicht mehr aushalten können? Das, was Männer beflügelt, zerstört offenbar Frauen: die Gleichzeitigkeit, eine Liebe zu leben und sich künstlerisch zu etablieren. Dazu kommt etwas ganz Einfaches, etwas ganz und gar Unerträgliches: Frauen regeln den Alltag von Männern, damit diese schreiben (oder was auch immer tun) können. Wer regelt eigentlich den Alltag von Frauen? Frauen werden gern als die Musen der Männer bezeichnet. Wer und wo sind denn aber die Musen der Frauen? Die Frau muss sich selbst Muse sein. Ingeborg Bachmann spottete über Männer und Musen: "Ihr mit euren Musen und euren Tragtieren und euren gelehrten, verständigen Gefährtinnen, die ihr zum Reden zulasst!"
Der Maler Max Beckmann machte seiner Mathilde, die Geigerin war, zu Beginn der Ehe unmissverständlich klar: "Wenn du Karriere machen willst mit der Geige, dann lass ich dich frei. Aber wir können dann nicht zusammen leben. Entweder du wirst Geigerin, oder du bleibst bei mir. Beides geht nicht. Ich brauche dich ganz oder gar nicht." Mathilde gab die Geige auf. Ich wüsste kein einziges Beispiel, wo eine Frau einem Mann zu Beginn der Ehe ein solches Opfer abforderte.
Frauen, die Künstlerinnen sind, möchten natürlich auch als Frauen wahrgenommen werden - sie möchten begehrt und geliebt werden, aber "...es ist sehr schwer, gleichzeitig zweierlei zu sein: erstens jemand, der nach seinen eigenen Gesetzen leben will, und zweitens jemand, der die netten alten Dinge behalten und geliebt und geborgen und beschützt sein möchte", schrieb Zelda Fitzgerald, die genauso begabt, gescheit und sogar weit witziger gewesen sein soll als ihr Mann Scott Fitzgerald und die in Nervenheilanstalten endete.
Martin Luther hatte für alles eine Erklärung: Eva hat gesündigt, also muss die Frau ewig büssen und hat das Recht auf ein eigenständiges Leben für immer verwirkt. Es dauerte bis zur Französischen Revolution, bis endlich "l'homme" nicht mehr nur "Mann", sondern "Mensch" bedeutete. Das heisst, die kühne Vision der Gleichberechtigung stand 1789 endlich am Himmel. Da ist sie auch weitgehend geblieben. Denn es sind immer noch meistens die Frauen, die den Alltag bewältigen, die Kinder grossziehen, den Haushalt führen, und sie wollen natürlich als Frau auch noch gefallen und geliebt werden, und gleichzeitig wollen sie leidenschaftlich brennen für ihr Werk, intensiv leben für ihre Arbeit, und dass diese zermürbenden Widersprüche zur Katastrophe führen müssen, das merken sie, wenn sie alt, einsam, verlassen, krank, drogensüchtig, Alkoholikerin, verrückt, weggesperrt, an den "Frösten der Freiheit" (Marieluise Fleisser) erfroren sind oder kurz vorm Selbstmord stehen: Else Lasker-Schüler, Mascha Kaleko, Irmgard Keun, Jane Bowles, Unica Zürn, Adelheid Duvanel, Marlen Haushofer, Dorothy Parker, Nelly Sachs, Katherine Mansfield, Annemarie Schwarzenbach - ach, es sind so viele.
Die Schriftstellerin Sybille Bedford sagte lakonisch: "Mutterliebe und Literatur lassen sich nicht vereinbaren", und in der Tat haben viele hochbegabte Frauen auf Kinder verzichtet, und die, die doch Kinder grossgezogen haben, taten es unter unendlichen Anstrengungen, an denen sie nicht selten zerbrachen. 1947 schrieb die Schriftstellerin Elisabeth Langgässer in einem Brief: "Die Alltagsarbeit wird von Tag zu Tag schwieriger, und der Haushalt verschlingt die letzten Kräfte wie ein triumphierender Moloch, dem die Saftbrühe rechts und links vom Maul herunterläuft.... Immer fühle ich, was es heisst, eine Kerze an beiden Enden anzuzünden."
Eines muss gesagt sein: dass natürlich auch schöpferische Männer diese Zweifel, die Überforderungen, das Sich-selbst-Ausbeuten kennen. Nur sind ihre Lebensbedingungen in der Regel einfacher als die von Frauen.
Die Schriftstellerin Christine Lavant fragte: "Ich weiss nicht, ob der Himmel niederkniet, wenn man zu schwach ist, um hinaufzukommen?"
Dieser Text war das Vorwort von Elke Heidenreich zu:
"Frauen, die schreiben, leben gefährlich" von Stefan Bollmann
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"G 1000" = DOPPELTE ARBEIT - HALBE SICHERHEIT
"Generazione 1000 Euro" - das war zunächst nur der Name eines italienischen Unterhaltungsromans, den die Autoren Antonio Incorvaia und Alessandro Rimassa im vergangenen Dezember ins Netz stellten.
Es geht darin um die kleinen Abenteuer und grossen Geldnöte des siebenundzwanzigjährigen Claudio, der in Mailand bei einem Konzern als "junior accountant" für Marketing arbeitet und dabei in einer der teuersten Städte Europas mit 1028 Euro netto auskommen muss. Bald bildete sich um das Schlagwort der "unsicheren Generation" ein sehr aktiver Blog. Fast zwanzigtausend Leser luden sich den Roman herunter, und Medien im ganzen Land interessierten sich plötzlich für die Schicksale in Claudios Wohngemeinschaft der schuftenden Habenichtse, weil hier die Malaise der italienischen Gesellschaft eine Stimme erhalten hatte.
Tausend Euro sind in Italien für ungelernte Arbeitskräfte oder für städtische Angestellte bei der Müllabfuhr ein normal guter Lohn, wenngleich der traditionelle katholische Familienvater mit dem Geld die Seinen kaum über die Runden bringen kann. Seit Jahrzehnten funktioniert daher das mediterrane Modell des "doppio lavoro", der Abend- oder Wochenendarbeit im Gastgewerbe oder als Aushilfe in Familienbetrieben. Als vor ein paar Tagen die städtischen Verkehrsbetriebe von Neapel 139 Stellen für Busfahrer ausschrieb, stürmten Tausende das Büro, um nach einem Monat Ausbildung und achtzehn Monaten Probezeit eine feste Stelle mit 1150 Euro Bruttogehalt zu bekommen. Für examinierte Studenten, schwarz arbeitende Kellner oder jugendliche Langzeitarbeitslose ist diese Aussicht immer noch rosiger als ein verkorkstes Leben ohne sicheres Einkommen unterm Vesuv.
Das Erkennungsmerkmal der "Generazione mille Euro" - im Jargon mit "G 1000" abgekürzt - besteht in einer modernen Mischung aus Unsicherheit, schlechter Bezahlung bei hochqualifizierter Tätigkeit und immensem Druck mit bis zu zwölf Stunden Dienstzeit. Claudio etwa, der nette Ragazzo aus dem Roman, arbeitet europaweit als Experte für Handy-Reklame, doch er kann sich mit dem winzigen Gehalt seines Jahreskontraktes oft nicht einmal die Telefonkarten für Firmengespräche leisten, geschweige die schleppend erstatteten Spesen für Geschäftsreisen vorstrecken. Während eine schicke Metropole wie Mailand das Luxusleben, teure Markenmode, edle Diskotheken, perfektes Aussehen bis zur Aushilfssekretärin vorschreibt, müssen sich die Rackernden zu Zweck-Wohngemeinschaften in tristen Betonklötzen der Vorstadt zusammentun und mit dem Bus zu Billigmärkten aufbrechen, um Lebensmittel einzukaufen.
Typisch italienisch an diesem amerikanisierten Konsumleben ist allerdings der Optimismus der Protagonisten, die trotz der Unsicherheit und der Geldknappheit ihre Jugend geniessen wollen, die nicht nur im Büro Emotionen suchen und von der traditionellen Familie träumen, ohne zu wissen, wie sie die je sollen finanzieren können. Die Generation ihrer Eltern, oft auch nicht auf Rosen gebettet, konnte wenigstens die Rollenspiele von Mamma, Pater familias und gehätscheltem Bambino ausleben, wohingegen es die knappen Teilzeitkräfte von heute oft nicht einmal mehr schaffen, das Kinderzimmer zu verlassen und eine eigene Wohnung zu beziehen; sechzig Prozent der Italiener unter fünfunddreissig wohnen noch bei den Eltern.
Den Kurzbiographien des modischen "Reality-Romans" lässt sich mehr soziale Wirklichkeit Italiens ablesen als so mancher Statistik. In der Welt der Vorstädte akzeptieren Universitätsabgänger bedenkenlos jede Schwarzarbeit, nur um irgendwie über ein Einkommen zu verfügen. Wieso Italiens Geburtenrate zu den niedrigsten der Welt gehört, wieso die Raten für Scheidung und Abtreibung konstant hoch liegen und im Süden die organisierte Kriminalität nicht zurückzudrängen ist, kann bei den prekären Lebensumständen der heute Dreissigjährigen niemanden verwundern. Wo nur zehn Prozent der Studienabgänger im ersten Jahr eine Festanstellung bekommen, wo weitere zehn Prozent sich mit einem Kurzzeitvertrag begnügen müssen und der Rest zur blossen Verfügungsmasse wird, richten Normen und Traditionen nicht mehr viel aus.
Wie das Problem mindestens einer verlorenen Generation zu lösen wäre, darüber diskutiert man in Italien jenseits aller Wahlkämpfe. Der dynamische Arbeitsmarkt Amerikas wird nicht als Lösung gesehen, weil man mit Flexibilität allein in Städten wie Neapel und Palermo Hunderttausenden von gut qualifizierten jungen Menschen keine Jobs verschaffen kann, wenn die Arbeitslosenquote bis an die sechzig Prozent reicht; landesweit liegt sie bei bedrückenden 24,4 Prozent. Und die skandinavische "Flexsecurity" mit sicherer Stütze und Arbeitsberatung kann im traditionell schwach entwickelten Sozialsystem und mit einer wegbrechenden Bürokratie der Arbeitsvermittlung wohl auch nicht funktionieren.
Die Lockerung des Kündigungsschutzes, die in Frankreich fast eine Revolution auslöste, wurde in Italien ohne grössere Proteste schon von der letzten Linksregierung in Gesetze gegossen. Dass angesichts der Gerontokratie ihrer Gesellschaft Politik für die Jüngeren zunehmend egal wird, versteht sich fast von selbst; das Durchschnittsalter der Wähler lag beim Duell Prodi (66) gegen Berlusconi (69) bei knapp fünfzig Jahren. Bleiben einstweilen wohl nur Strategien, mit denen sich die Italiener von jeher behelfen: Pfiffigkeit und Improvisation.
"Optimisten mit Krawatten", so charakterisieren die beiden Autoren denn auch ihre Protagonisten. Mit allerlei Tricks versucht die 1000-Euro-Generation, ihr Scheibchen Glück zu bezahlbaren Preisen abzubekommen: Kleider-Discounter statt Boutiquen, Billigflüge statt Kreuzfahrten, Wohnungstausch statt Hotel, gefälschte Markenware statt Statussymbolen, SMS statt Gesprächen - das ganze Spektrum des Low-Cost-Lebens macht die von Geburt an schon wendigen Italiener noch erfindungsreicher.
Für den Mai haben Incorvaia und Rimassa die Fortsetzung ihres Claudio-Epos angekündigt, diesmal sogar in Buchform. Entweder sie setzen auf ein neugierig gewordenes Publikum Älterer, oder sie haben die Hoffnung, dass ihre klamme Klientel die teure Investition in Gedrucktes für einen kommenden Klassiker nicht mehr scheuen wird. Im Blog der "G 1000" finden sich ausser enthusiastischen Anhängern aber auch kritische Stimmen aus dem armen Mezzogiorno oder der noch stärker verunsicherten Generation, die jetzt erst auf den Arbeitsmarkt drängt: "Unglaublich! Da gibt es Leute, die verdienen tausend Euro und beschweren sich noch."
Dieser Text war ein Artikel von Dirk Schümer
publiziert in der F.A.Z. vom 25.4.2006
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VERDAMMTER UND AUSERWÄHLTER
Zunächst einmal zeichnen sich Bernhards Romane, Erzählungen und Theaterstücke durch ihre schroffe, ihre hochmütige Unvollkommenheit aus. Die Vorstellung, es sei seine Aufgabe, etwas Perfektes zu liefern oder auch nur anzustreben, hätte er mit Sicherheit als absurde Zumutung empfunden oder gar als Unverschämtheit zurückgewiesen. Seine Theaterstücke bestehen aus Monologen, seine Geschichten sind Romanfragmente, seine Romane erweisen sich als lange Erzählungen. Und allesamt sind sie Bruchstücke einer einzigen Rebellion.
Darüber hinaus verfolgen diese Arbeiten keine Absicht, sie haben kein Ziel und keinen Zweck, sie entspringen keiner Idee und keinem Programm. Bernhard wollte nichts verändern, er gehörte nicht zu den Aufklärern, er war kein Weltverbesserer. Den Gedanken, der Mensch sei erziehbar, hielt er bestenfalls für läppisch. In seinem letzten, erst postum veröffentlichten Interview sagte er knapp: "Ich glaub' an gar nichts."
Marcel Reich-Ranicki über Thomas Bernhard
publiziert in "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", 9.4.2006
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AUS DEM TRAUMBUCH VON POLITIKERN
Vollbeschäftigung ist der grosse, unerfüllte Traum aller Politiker. Mills Beschäftigungs-Plan ist denkbar einfach: PLAN ist ein riesiges, ganz England umspannendes Transportunternehmen. Dessen Fahrzeuge, so genannte UniVans, transportieren allerlei Kisten von Depot zu Depot des Unternehmens. In diesen Kisten befinden sich Ersatzteile für die UniVans, die also gewissermassen sich selbst in ewigem Kreislauf befördern. Dafür sind Beifahrer, Lagerarbeiter, Reinigungskräfte, Aufseher, Mechaniker, Manager, Lehrlinge und Torwächter erforderlich. Eine fein gestufte Hierarchie hat sich etabliert, um die minutengenaue Einhaltung der Arbeitsabläufe zu kontrollieren.
Der einzige Sinn des PLANs besteht darin, möglichst viel Zeit zu verbrauchen. Denn an Zeit besteht ein gesellschaftlicher Überfluss, der irgendwie vernichtet werden muss, wenn das grosse Ziel erreicht werden soll.
Die UniVans dominieren den Verkehr im Land. Obwohl sie langsam und schwerfällig sind, haben sie Fans, die am Strassenrand stehen, um Auto- und Modellnummern zu notieren. Das mag damit zusammenhängen, dass die UniVans für eine gute Sache unterwegs sind: Vollbeschäftigung. Vielleicht erscheint es aber auch nur den Fahrern aus ihrer eingeschränkten Perspektive hinter der Windschutzscheibe so.
Wer im PLAN beschäftigt ist, muss sich nur noch darum Sorgen machen, wie er die Stunden bis zum Feierabend rumkriegt. Dafür gibt es ein ordentliches Grundgehalt plus Lebenshaltungskostenausgleich, Anwesenheitszuschlag, Produktivitätsbonus und Erstattung der Trockenreinigung.
Dennoch rumort es in der Belegschaft. Anhänger eines vorgezogenen Feierabends stehen den Verfechtern eines strengen 8-Stunden-Tages gegenüber, die dieses Prinzip verteidigen, weil sie ahnen, dass sonst alles zusammenbrechen würde. Es kommt zu einem Streik und zu einer Schlichtung, nach der alles beim Alten bleibt: Ab und zu ein vorgezogener Feierabend ist erlaubt.
Im Mittelpunkt des Romans steht ein Ich-Erzähler, der schon fünf Jahre dabei ist und täglich dieselben Touren fährt. Sein Beifahrer, der eigentlich überhaupt nichts zu tun hat, liefert nebenbei für eine Bäckerei Kuchen aus. Dieses illegale Nebengeschäft und dessen Vertuschung gerät mehr und mehr zur Hauptaufgabe und ist streng genommen der einzige volkswirtschaftliche Nutzen, den der "Plan" abwirft.
Mills verlässt seinen Helden keine Sekunde, obwohl er nicht viel erlebt. Ein Skatspiel hier, ein Tee dort, ein Problem bei der Auslieferung eines Hubwagens - um mehr geht es nicht. Was die Arbeiter ausserhalb ihrer Arbeitszeit tun, erfährt man nicht. Die Perspektive ist die eines geschlossenen Systems, das kein Ausserhalb kennt, denn dieses Perpetuum Mobile einer in sich selbst zirkulierenden Ökonomie spiegelt sich im Bewusstsein der Angestellten.
Jörg Magenau rezensiert:
"Ganze Arbeit" von Magnus Mills
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ANGEWANDTE LITERATUR
Im Jahr 2016. Eine Gruppe von Menschen bekommt vom Jobcenter als letzte Chance die Aufforderung, sich auf eine dreimonatige Qualifizierungsmassnahme zu begeben. In eine Schule der Arbeitslosen. Diese ist streng organisiert. Die Schüler - Trainees genannt - sind in Teams und auf verschiedene Häuser aufgeteilt, die mehr oder weniger bedeutungsvolle Namen tragen. Der Tagesablauf ist minutiös geregelt, vom Lautsprecher-Weckruf über den Unterricht, die Aufnahme von Nahrung aus Automaten bis hin zu einem Nachmittagsschläfchen ("Power Napping"). Abgesehen von gelegentlichen Handy-Telefonaten werden den Arbeitslosen keine individuellen Bedürfnisse zugestanden.
Zur Handlungszeit des Buches gibt es keine offizielle Arbeitslosen-Statistik mehr. Die Schüler mutmassen, wieviele Millionen es sind. Das ist für einige sogar mit einer Hoffnung verbunden: "An einer solchen Zahl kann niemand vorbeisehen. Nicht einmal der Bundespräsident. Millionen! Das ist keine Minderheit mehr, sondern bald die Mehrheit. Gegen eine Mehrheit können sie nicht angehen."
Aber es ist nicht so, dass sich diese Mehrheit irgendwie organisieren würde. Im Buch genauso wenig wie im Leben. Im Buch sind die Arbeitslosen ganz gut beaufsichtigt. In der Diktion der Lehrer arbeiten die Schüler sogar, denn das Finden einer möglichen freien Stelle wird "Sucharbeit" genannt. So sollen sie Todesanzeigen studieren, um Hinweise auf die Arbeitsstelle des Verstorbenen zu finden und sich dann dort bewerben - bevor die Stelle ausgeschrieben werden kann.
Bewerbungstraining ist das Hauptfach der Schule; im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der Lebenslauf. Hier kommt es nicht auf Wahrhaftigkeit an, sondern auf Überzeugungskraft. Deshalb werden alle Lücken gefüllt und Schwachstellen ausgebessert. Lebenslauf-Schreiben ist "angewandte Literatur", sagt der aalglatte Dozent.
Über das Buch:
"Schule der Arbeitslosen. Ein Roman." von Joachim Zelter
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EUROP - A - SIEN
Was Europäer von Asiaten denken, und Asiaten von Europäern...
"Ich habe den Eindruck, sie halten uns für eine Art nicht eben hübscher Nutztiere. Nicht sie dienen uns, das ist nämlich ein ganz mieser Trick, dass sie so tun - wir dienen ihnen. Wir sind grosse fette Tiere, die sie füttern und denen sie das Blut abzapfen."
Und andersherum:
"Ihre Frauen haben Stimmen wie Männer und riesige Brüste. Virikit muss lachen, wenn sie sie auf ihren Liegen am Strand sieht oder beim Muschelsuchen. Da bücken sie sich mühsam, ihre grossen Sackbusen schaukeln, und wenn sie eine Muschel finden, schreien sie wie dumme Kinder."
Dieser Text war eine Leseprobe aus:
"Das siamesische Dorf" von Eva Demski
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VERSTEHEN SIE: ICH BIN MR. UND MRS. TREVOR
ZEIT: Sie sind derzeit das meistgenannte Vorbild junger deutschsprachiger Autorinnen. Ruth Schweikert und Judith Hermann haben sogar eine Lesetour gemacht, bei der sie Kurzgeschichten von Ihnen vortrugen.
Munro: Es freut mich sehr, das zu hören. Gerade weil es schwierig ist, mit Kurzgeschichten ernst genommen zu werden. Die Literaturkritik betrachtet Kurzgeschichten noch immer als eine Art Übungsform für den Roman, als mindere Disziplin jedenfalls, und ich habe das selber lange geglaubt.
Als ich zu schreiben begann, in den Fünfzigern, war ich wie alle Frauen damals eine Hausfrau, ich hatte kleine Kinder, mein Mann arbeitete ausser Haus. Ich hatte schlicht zu wenig Zeit für das Schreiben, keine Zeit für grosse Würfe. Zur Kurzgeschichte fand ich also aus sehr praktischen Gründen. Und ich glaube, es ging den meisten schreibenden Frauen meiner Generation so: Sie mussten sich ihre Zeit fürs Schreiben zusammenstehlen. Als die Kinder klein waren, mussten sie immer einen Mittagsschlaf halten, und zwar alle zur gleichen Zeit, ob sie wollten oder nicht ? denn das gab mir eine oder zwei ungestörte Stunden für mein Schreiben. Als sie dann zur Schule gingen, wurde es etwas besser, da hatte ich pro Tag etwa drei Stunden für mich. War ich einmal richtig drin in einer Geschichte, ging im Haushalt alles drunter und drüber. Ich schälte die Kartoffeln, dachte mir dabei die nächsten paar Sätze aus, setzte die Kartoffeln auf, und während diese kochten, rannte ich ins Wohnzimmer und schrieb wieder ein paar Zeilen. Dann schnell wieder in die Küche ? mehr als einmal waren die Kartoffeln dann verkocht. Ich hatte damals kein eigenes Arbeitszimmer ? und bis heute habe ich keines. Ich schreibe an einem kleinen Sekretär in einer Ecke des Wohnzimmers. Heute ist es bloss noch eine Marotte, aber es kommt natürlich daher, dass ich in einer Zeit zur Schriftstellerin wurde, als dies für Frauen kein Beruf war. Männer waren Schriftsteller. Und sie waren es mit Leib und Seele, sie fühlten sich berufen, taten nichts anderes. Männer hatten deshalb auch ein Büro zum Schreiben. Frauen nicht. Frauen schrieben nebenbei, heimlich. Ich glaube, dass ich bis heute ganz anders arbeite als ein schreibender Mann. Noch heute schreibe ich in relativ kurzen Konzentrationsphasen, um dazwischen irgendetwas anderes zu machen im Haus. Nach wie vor trage ich die Verantwortung für den Haushalt. Oder fühle mich zumindest verantwortlich dafür. Verstehen Sie mich nicht falsch, mein zweiter Mann und ich, wir teilen uns die Hausarbeit, er ist ein wunderbarer Koch, aber ich weiss, an welchem Tag der Müll raus muss, und ich überlege, was wir einkaufen müssen. Bei männlichen Schriftstellern ist das anders. Kürzlich las ich ein Interview mit dem irischen Autor William Trevor, den ich sehr schätze. Das Gespräch findet bei Trevor zu Hause im Wohnzimmer statt, und während er mit dem Journalisten spricht, kommt irgendwann Mrs. Trevor in den Raum und bringt Sandwiches und Tee. Verstehen Sie: Ich bin gleichzeitig Mr. und Mrs. Trevor.
Da fällt mir eine Geschichte ein: Einmal war ich auf einem Schriftstellerkongress in New York, und Günter Grass war auch da. Er war mit einer ganzen Entourage von Frauen erschienen und verhielt sich, wie ich fand, sehr eigenartig. Er setzte sich auf eine Couch, und die Frauen setzten sich um ihn herum. Wenn er nun mit jemandem sprechen wollte im Saal, ging er nicht einfach zu ihm hin, sondern schickte eine seiner Frauen, diesen jemand zu holen. Grass ist ein hervorragender Autor, aber ich dachte, wie kann sich jemand bloss wohlfühlen in solch einer Situation? Wie kann jemand glauben, es müsse so sein? Dass ein Mann sich so verhalten kann, liegt daran, dass er von Anfang an andere Erwartungen hat an sein Leben als eine Frau.
ZEIT: Verstehen Sie sich als feministische Autorin?
Munro: Ich bin keine feministische Autorin, aber ich bin eine Feministin. Es interessiert mich nicht im Mindesten, Politik in meine Literatur einzubringen. Ich bin eine Feministin, weil ich mich für die Geschichten von Frauen interessiere.
ZEIT: Hat sich der feministische Kampf gelohnt? Leben Frauen heute sehr viel anders als in den Fünfzigern und Sechzigern?
Munro: Sicher. Obwohl ? natürlich müssen moderne Mütter heute erkennen, dass die Freiheit kein Zuckerschlecken ist. Sie haben Jobs und führen nebenbei noch den Haushalt. Ich höre heute junge Frauen sagen, dass sie gerne für eine Weile zu Hause bei ihren Kindern bleiben würden, aber dass sie es sich schlicht nicht leisten können. An solche Probleme hat damals keiner gedacht. Es war reiner Idealismus, alle dachten, wenn die Frauen Karriere machen wollen, bleiben halt die Männer eine Weile zu Hause. Aber es kam anders.
Dies waren Ausschnitte eines Interviews mit der kanadischen Schriftstellerin Alice Munro
publiziert in "Die Zeit" vom 23.3.2006
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DER SPIELER UND DIE STENOGRAFIN
Sie war Dostojewskis letzte Hoffnung ? die ehrgeizige 20-jährige Stenographin Anna Snitkina, die am 3. Oktober 1866 die St. Petersburger Wohnung des 45-jährigen Schriftstellers aufsuchte. Kurz zuvor hatte sich Dostojewski auf einen Knebelvertrag mit dem Verleger F.T. Stellowski eingelassen, der ihn verpflichtete, bis zum 1. November einen neuen Roman zu liefern. Bei Nichteinhaltung der Frist würden die Rechte an allen seinen neuen Werken für die nächsten neun Jahre dem Verleger zufallen. Dostojewski blieb nur noch ein Monat Zeit. Der neue Roman war noch nicht einmal begonnen.
Anna Grigorjewna Snitkina gehörte zu der ersten Frauengeneration in Russland, die eine systematische Gymnasialausbildung genossen hatte. Darüber hinaus erlernte sie einen Beruf: Sie war die beste Schülerin des damals auch in Deutschland bekannten Stenographie-Theoretikers P.M. Olchins. An ihn wandte sich Dostojewski in seiner Not. 30 Rubel konnte eine Stenographin bei ihm verdienen, wenn sie es schaffte, sein neues Werk "Der Spieler" fristgerecht zu Papier zu bringen.
In ihrem Tagebuch erinnerte sich Anna Grigorjewna später an diese einmalige Gelegenheit, die sie sofort ergriffen hatte: "Mein ganzes Leben lang hatte ich nur diesen leidenschaftlichen Wusch, mein eigenes Brot zu verdienen und meiner Familie nicht zur Last zu fallen, sondern ihr nützlich zu sein, auf eigenen Beinen zu stehen und im Notfall selbst das Geld besorgen zu können. Jetzt werde ich meiner Mutter helfen. Was war das für eine reine Freude!"
Doch zunächst sollte alles ganz anders kommen. Im April 1867 schrieb Dostojewski: "Zum Ende des Romans merkte ich, dass meine Stenografin mich aufrichtig liebte, obwohl sie nie ein Wort darüber verloren hatte, und mir gefiel sie auch immer mehr. Da mein Leben nach dem Tod meines Bruders schrecklich langweilig und mühsam geworden war, habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie willigte ein und nun sind wir verlobt."
Mit dieser Heirat stellte sich Anna Grigorjewna hingebungsvoll dem launischen Gemüt des berühmten Literaten, seinen gesundheitlichen Problemen ? Dostojewski war Epileptiker ? sowie seiner äusserst schwierigen finanziellen Lage. Schon sehr bald sah sie sich gezwungen, einen Teil ihres Familienbesitzes zu versetzen, um die Schulden ihres Mannes zu begleichen. Damit sollte auch ihr gemeinsamer Auslandsaufenthalt ? ihre Hochzeitsreise, ihre Flucht vor den Gläubigern ? finanziert werden.
Oftmals unterhalb der Armutsgrenze lebten sie in Dresden, Berlin, Frankfurt, Basel und Genf. Doch am härtesten war die Zeit in Baden-Baden im Sommer 1867, wo die junge Frau die krankhafte Spielsucht ihres Mannes am eigenen Leibe zu spüren bekam. Sie verpfändeten ihre Kleidung und die Wertsachen ? bis auf die Trauringe. In ihren Tagebüchern hielt Anna Grigorjewna jedes Auf und Ab in ihrer Kurzschrift detailgetreu fest: "Wir haben keinen Zucker mehr, und ich hatte heute morgen keinen Tee. Wir sagten uns, wie wir uns später einmal an all das erinnern würden: Die schreckliche Hitze, die schreienden Kinder der Wirtin, die Schmiede mit ihren Hämmern, die den ganzen Tag unbarmherzig schallen, und keinen Sou, all unser Eigentum versetzt und wahrscheinlich verloren, muffige Räume, Glockengeläut, kein Buch zum Lesen und die Aussicht, nichts zu essen zu haben."
Als Ende der 1970er Jahre dieses Tagebuch dem sowjetischen Pathologen und leidenschaftlichen Dostojewski-Freizeitforscher Leonid Zypkin in die Hände fiel, muss es für ihn eine Offenbarung gewesen sein. Schon immer las er viel von und über Dostojewski, fotografierte Orte und Häuser, in denen der Schriftsteller gewohnt hatte und die ihm als Modelle für seine literarischen Welten dienten. Aber zum ersten Mal sah Zypkin solch ein aufrichtiges Zeugnis eines Lebensabschnitts Dostojewskis: das tägliche und unmittelbare Einfangen der damaligen Geschehnisse, geschrieben von einer unerfahrenen jungen Frau. Wegen ihrer stenografischen Schrift waren die Einträge für niemand anderen zugänglich, auch nicht für ihren Mann; und deshalb voll von unbefangenen und manchmal etwas naiven Erzählungen über ihn, über seine Spielsucht und seine häufigen Stimmungswechsel.
Dieser Text ist Ausschnitt eines Artikels von Vlada Menz
publiziert in "Die Zeit" vom 24.3.2006
Bücher dazu:
Tagebuch von 1867: "Dnewnik 1867 goda" von A. G. Dostojewskaja (Nauka Verlag, Moskau, 1993)
"Ein Sommer in Baden-Baden" von Leonid Zypkin (Berlin Verlag, 2006)
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BAGHDAD BURNING !
"Baghdad Burning", das unter dem Pseudonym Riverbend geführte weltweit beachtete Internet-Tagebuch einer jungen Irakerin, ist am Montag für den renommierten und hochdotierten britischen Literaturpreis Samuel Johnson Prize von BBC nominiert worden. In dem Blog hat die 26-Jährige, die in Bagdad als Programmiererin und Netzwerk-Spezialist arbeitet, die Mühen des Kriegsalltags beschrieben und so einen ungewöhnlichen Einblick in den Irakkrieg abseits westlicher Berichterstattung gegeben.
In gedruckter und übersetzter Form:
"Bagdad Burning. Ein Tagebuch" von Riverbend
(Aus dem Englischen von Eva Bonné, Residenz Verlag)
In Blog-Form:
http://www.riverbendblog.blogspot.com
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FLUCHT VOR DEM VERNUNFTGELEITETEN VERLUST
"Nichts geschieht in dem Augenblick, wo es geschieht. Alles geschieht erst im Nachhinein."
Steinunn Sigurdardóttir
Eine federzarte und doch sinnschwere Liebesgeschichte. Ein Buch, das man Frauen und Männern gleichermassen ans Herz legen möchte - jenen zumindest, denen das andere Geschlecht ein Rätsel geblieben ist und die es nicht aufgegeben haben, ihm auf die Spur kommen zu wollen. Nicht dass man nach der Lektüre klüger wäre, weiser aber schon. Und auch heiterer. Denn davon, wie Leidenschaft sich gegen alle Vernunft ereignet, wie Frau und Mann zusammenfinden, ohne aneinander zu verbrennen, wie sich aus Zufall und Verwirrung Notwendigkeit und Erfüllung ergeben können, handelt Steinunn Sigurdardóttirs kurzer Roman. Im Irrealen liegt die Intensität dieser Beziehung; die Kälte führt beide näher zusammen, als dies die Hitze vermöchte.
Andreas Breitenstein über das Buch
"Die Liebe der Fische" von Steinunn Sigurdardóttir
publiziert in der NZZ vom 7.4.2005
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PEKKA UND DIE FLIEGENDEN STEINE
Pekka ist ein ganz besonderer Junge. "Wie ein kleiner Frosch sieht er aus", sagt die Mutter, die ihren Sohn mit Verwachsungen, schiefem Kopf und seltsam gestellten Augen gleich nach der Geburt ins Krankenhaus geben muss. Erst nach mehr als zwei Jahren kommt er zu seinen Eltern und Geschwistern. Die Familie bewohnt ein Haus, violett gestrichen, in einer ländlichen Gegend Finnlands. Geborgen und zärtlich geliebt wächst Pekka auf. Zuerst krabbelt er nur auf dem Boden, bleibt stumm. Für alle unerwartet steht er schliesslich auf, geht aufrecht.
Seine ersten Worte sind unverständlich, doch plötzlich artikuliert er. Ganz klar spricht er den Satz, der sein Leben prägt: "Ich liebe dich." Denn der feinfühlige Junge liebt alle und alles. Seine Eltern, seine Geschwister, den Stuhl, auf dem er sitzt, Blumen, Bäume und auch Pilze, weil sie Mützen auf dem Kopf tragen. Am meisten aber liebt Pekka die Vögel und die Steine. Die Steine, weil sie einmal Vögel waren. Er weiss das ? bestimmt und sicher.
Pekkas Geschichte erzählt seine zehnjährige Schwester. Sie beschreibt, wie ihr Bruder grösser wird und hineinwächst in den Umgang der Menschen miteinander, beobachtet, wie er ablehnendes Unverständnis erfährt, auch oder gerade, wenn er wieder einmal seine Liebe beteuert.
Auch wenn die Mutter einmal, ein wenig hilflos, fragt: "Was macht man mit so einem Kind?", bleibt selbstverständlich: Pekka darf anders sein.
Doch: Pekka wird gesund, er lebt und wird alt werden. "Ich sterbe nie. Ich werde ein Stein, und dann wird aus mir ein Vogel."
Elisabeth Hohmeister über das Buch
"Als die Steine noch Vögel waren" von Marjaleena Lembcke
publiziert im Standard vom 5.4.2006
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ICH BIN WIE IHR ALLE - NUR BESSER
"Hört zu, Freunde! Dieser Verehrung für mich geht wirklich zu weit. Ich bin einer wie ihr alle, nur besser."
Am 30.12.1905 wurde der Erzähler, Lyriker, Dramatiker und Zeichner Daniil Charms in Petersburg geboren, wo er 1942 im Gefängnis verhungerte.
Über dreissig Pseudonyme hat sich Daniil Iwanowitsch Juwatschow, so sein Geburtsname, gegeben. Mit "Charms" unterschrieb der charmante Sonderling und poetische Anarchist die meisten seiner Texte, die er sämtlich ohne Hoffnung auf Veröffentlichung im Geheimen schrieb und die erst Jahrzehnte später nach und nach ans Tageslicht kamen. Den Hausverwalter übrigens sollen die ständig wechselnden Namensschilder auf Charms' Tür zum Wahnsinn getrieben haben.
Mit Gedichten und Geschichten für den staatlichen Leningrader Kinderbuchverlag hielten sich Charms, sein Freund Alexander Wwedenski und ihre Mitstreiter der avantgardistisch-parodistischen Künstlervereinigung Oberiu (Vereinigung der realen Kunst) nach Publikations- und Auftrittsverbot über Wasser. Russlands Kinder waren und sind noch immer begeisterte Charms-Fans.
"Einst ass Orlov zu viel Erbsenbrei und starb. Und als Krylov davon erfuhr, starb auch er. Und Spiridonov starb von ganz allein. Und Spiridonovs Frau fiel von der Kommode und starb ebenfalls. Und Spiridonovs Kinder ertranken im Teich. Und Spiridonovs Grossmutter ergab sich dem Suff und trieb sich auf der Strasse rum. Und Michajlov hörte auf sich zu kämmen und kriegte die Krätze. Und Kruglov malte eine Dame mit Knute in der Hand und wurde verrückt. Und Perechrestov bekam telegraphisch 400 Rubel und gab damit dermassen an, dass man ihn entlassen musste. Lauter gute Menschen, und können keinen kühlen Kopf bewahren."
Charms verweigerte sich der sowjetischen Forderung nach Realismus und schrieb, wie das Leben wirklich ist: brutal, bitter, grotesk, trotzdem auch sexy und immer tragikomisch.
Ausserdem war er der unumstrittene Meister des lässigen Schlusssatzes: "Reden wir lieber nicht weiter darüber", heisst es dann, oder "Ach! Ich würde noch mehr schreiben, aber auf einmal ist das Tintenfass verschwunden". "Erst biss er sich alle Fingernägel ab, dann auch die Zehennägel. Leser, denk dich hinein in diese Fabel, und dir wird ganz schlecht." Mein Favorit aber lautet: "Jagen wir lieber Kakerlaken."
Dieser Text war ein Artikel-Ausschnitt von Mathias Schnitzler
publiziert in der "Berliner Zeitung" vom 30.12.2005